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Im Agenturjournalismus haben punktuelle Ereignisse, die eindeutig in Raum und Zeit festgemacht werden können, eine größere Beachtungschance als längerfristige Entwicklungen und Prozesse. Die Nachrichtenauswahl aufgrund der Macht der Ereignisse oder der von allen Medien in Gang gesetzten Themenkonjunkturen sollte so mit redaktioneller Planung bewusst ergänzt werden. Die Nachrichtenagentur hat dann auch die Chance, auf zu Unrecht vernachlässigte Themen aufmerksam zu machen. Je seltener über ein Thema oder ein fernes Land berichtet wird, umso mehr Hintergrund ist gefragt. Allerdings ist Vollständigkeit als Zielgröße ähnlich wie Objektivität nie hundertprozentig zu erreichen und steht zudem in Konflikt mit der Forderung nach kompakter Darstellung und Eindämmung der Informationsflut.
Ständige Qualitätskontrolle achtet auf die Einhaltung der inhaltlichen Standards. Im Fluss der Agenturmeldungen – einige Nachrichtenagenturen verbreiten jeden Tag mehr als 500 Meldungen – bleibt es bei allem Bemühen um Sorgfalt nicht aus, dass fehlerhafte Meldungen verbreitet werden. Dies reicht von typischen Flüchtigkeitsfehlern wie der Verwechslung des Wochentags bis hin zu schwer wiegenden Falschmeldungen. Damit Fehler möglichst schnell bemerkt und korrigiert werden, sollte der Nachrichtendienst von allen Redakteuren mitgelesen werden. Hilfreich sind Hinweise aus den Redaktionen der belieferten Medien. Sobald ein Fehler bemerkt wird, sollte er so schnell wie möglich in Form einer Berichtigung und einer Berichtigten Wiederholung korrigiert werden. Wenn nicht nur Details falsch sind, sondern die gesamte Meldung aufgrund neuer Informationen nicht mehr aufrechterhalten werden kann, muss sie in Form eines „Kills“ zurückgezogen werden. Wird ein schwer wiegender Fehler erst am nächsten Tag oder noch später bemerkt – wenn die Meldung bereits elektronisch oder im Print verbreitet wurde – kann man nur noch eine neue Meldung mit der korrekten Darstellung verbreiten und auf die ältere Meldung mit den Falschinformationen hinweisen.

Mit Blick auf die potenziell millionenfache Verbreitung einer Agenturmeldung kann das Sicherheits- und Qualitätsdenken in der Agenturredaktion gar nicht ausgeprägt genug sein. Diese hohe Verantwortung kommt zum Ausdruck in Grundsätzen, wie sie der angelsächsische Agenturjournalismus entwickelt hat. „Get it first – but first get it right!“ – Schnelligkeit darf nie auf Kosten einer korrekten Darstellung gehen. Weniger bekannt, aber nicht minder wichtig ist die Regel: „If in doubt, leave it out!“ – im Zweifelsfall besser weglassen.

Hilfreich ist das methodische Repertoire der Quellenkritik in der Geschichtswissenschaft. Stammt die Information wirklich von dem in der Fax-Mitteilung oder der E-Mail genannten Absender? Der leiseste Zweifel sollte sofort den Griff zum Telefonhörer nach sich ziehen, um mit einem Anruf die Authentizität der Mitteilung zu überprüfen. Die nächsten Fragen richten sich nach der Qualität der Mitteilung. Ist der Absender kompetent genug und befugt, etwas über diesen Gegenstand mitzuteilen? Enthält die Mitteilung Vorwürfe gegenüber Personen oder Organisationen, die im Interesse von Objektivität und Fairness dazu befragt werden sollten? Lässt die Mitteilung zentrale Fragen offen, die eine Zusatzrecherche erforderlich machen? Um Dementis und Beschwerden vorzubeugen, sollte man dem Gesprächspartner am Telefon erklären, welche Aussagen man veröffentlichen will und welche Zitate wörtlich verbreitet werden können.

Die Agenturnachricht stellt oft die allererste Information über ein neues Ereignis dar. Sie löst Reaktionen aus und bringt Diskussionen in Gang. Die Agenturnachricht ist das Fundament für Meinungsformate wie Kommentar und Leitartikel und damit letztlich auch für die Meinungsbildung der Öffentlichkeit.

Merksätze:

- Agenturnachrichten sind auf Weiterverbreitung angewiesen – sie müssen daher zunächst die Aufmerksamkeit der Zeitung-, Rundfunk- und Online-Redakteure auf sich ziehen. Deshalb sollten sie möglichst kompakt, informativ und verständlich geschrieben sein.

- Die einzige redaktionelle Linie der Nachrichtenagentur ist das Bemühen um Objektivität. Beim Schreiben einer Meldung dürfen keine unterschwelligen Wertungen einfließen. Inhaltliche Darstellung und Begriffswahl müssen die erforderliche Distanz zu allen Beteiligten eines Ereignisses halten.

- Bei der Nachrichtenauswahl muss nach der tatsächlichen Bedeutung und Reichweite jeder Meldung gefragt werden: Stößt diese Nachricht wirklich auf das Interesse einer breiten Öffentlichkeit? Welche Themen finden in den Medien gerade besondere Beachtung?

- Wenn eine Pressemitteilung als Grundlage für eine Meldung dient, sollte diese nicht auf den Bildschirm geholt, sondern nur als Papierausdruck auf den Schreibtisch gelegt werden. Diese räumliche Trennung von eigenem und fremdem Text unterstützt das Bemühen um kritische Distanz zu den übermittelten Inhalten.

- Im Bemühen um Schnelligkeit darf die Richtigkeit nicht auf der Strecke bleiben. Eine Meldung sollte nur dann verbreitet werden, wenn es keine Zweifel am korrekten Inhalt gibt: Get it first, but first get it right!

- Auch die Details einer Nachricht müssen stimmen. Jede kleine Nebeninformation muss einer Überprüfung standhalten. Ansonsten gilt der Grundsatz: If in doubt, leave it out!