Beitragsseiten


Um die Recherche der Agenturnachrichten kümmert sich ein Netz von Korrespondenten, die in ihrem geographisch oder thematisch abgesteckten Bereich die Augen offen halten. Die ideale Agenturmeldung ist die aus eigenem Augenschein geschriebene Nachricht. Damit erfüllt die Nachrichtenagentur am besten ihre ursprüngliche Aufgabe, Lücken zu schließen, die das belieferte Medium nicht mit eigenen Mitteln schließen kann. In Kriegs- und Krisenregionen sowie in Ländern mit einem repressiven Regime nehmen Agenturjournalisten existenzielle Risiken in Kauf, um die internationale Öffentlichkeit zu unterrichten. Die Jahresberichte der Menschenrechtsorganisation Reporter ohne Grenzen führen zahllose Fälle auf, in denen Journalisten der großen internationalen Nachrichtenagenturen während ihrer Arbeit verletzt wurden oder ihr Leben verloren haben.

Die unmittelbare Beobachtung bildet aber nur für eine Minderheit der Agenturnachrichten die Grundlage der Informationsbeschaffung. Die meisten Agenturmeldungen entstehen nach Pressekonferenzen, im Anschluss an telefonische Recherchen oder aufgrund von schriftlichen Pressemitteilungen.

In der Auslandsberichterstattung werden meist fremdsprachige Texte von Korrespondenten bearbeitet. Dabei geht eine weitgehende sprachliche Freiheit mit strenger Faktentreue einher: Wegen der erheblichen Stilunterschiede zum angelsächsischen (oder französischen) Nachrichtenjournalismus können die Texte nicht 1:1 übersetzt werden, sondern müssen sprachlich völlig neu gestaltet werden. Gleichzeitig muss jede aktuelle Detailinformation am Text der Vorlage festgemacht und überprüft werden – das tatsächliche Geschehen darf beim Schreiben der Meldung nicht ausgeschmückt oder aus eigener Vorstellung ergänzt werden.

24 Stunden am Tag muss eine Meldung immer wieder aktualisiert werden. Eine Agenturnachricht ist nie abgeschlossen. Jedes Ereignis und jedes Thema hat seinen eigenen Verlauf – über Stunden, Tage, Wochen oder Monate hinweg – und seine Folgewirkungen. Die Agenturmeldungen erfassen diese Entwicklung wie Momentaufnahmen eines Films, der kein Ende hat. In der Frequenz der Meldungen spiegeln sich die Dramatik des Nachrichtengeschehens und der Grad an Aufmerksamkeit, den die Öffentlichkeit einem Ereignis widmet.

Ein typischer Ablauf für die Berichterstattung über ein plötzlich herein brechendes Ereignis („breaking news“) könnte etwa so aussehen:

*

12.00 Uhr Eilmeldung: Ein bis drei Sätze mit den ersten Informationen, die oft noch bruchstückhaft sind. Quelle sind meist Augenzeugen, anonyme Informanten, der Korrespondent der eigenen Agentur oder andere aktuelle Medien wie Rundfunksender.

*

12.03 Uhr Erste Ergänzung zur Eilmeldung mit ein bis fünf Sätzen. Diese enthalten ergänzende Informationen, die bei der Eilmeldung im Interesse der Aktualität noch nicht genannt wurden. Sie stammen meist noch von derselben Quelle wie die erste Meldung.

*

12.06 Uhr Zweite Ergänzung zur Eilmeldung mit drei bis zehn Sätzen. Es wird über weitere bereits bekannte Details berichtet. Vielleicht gibt es auch schon die Bestätigung durch eine offizielle Quelle wie Polizei oder andere Behörden – die Agenturredaktion hat in der Zwischenzeit intensive Telefonrecherche betrieben. Möglicherweise müssen auch Informationen weiterer Quellen berücksichtigt werden, die das Ereignis in einem neuen Licht erscheinen lassen.

*

12.15 Uhr Dritte Ergänzung zur Eilmeldung mit ein bis zwei Absätzen. Jetzt werden Hintergrundinformationen übermittelt, die zur Einordnung des Ereignisses wichtig sind. Diese stammen meist aus dem eigenen Archiv der Agentur, bei durchgängigen Themen oft auch von Meldungen des gleichen Tags oder des Vortags.

*

12.30 Uhr Erster Überblick, auch als „Kurzmeldung“ bezeichnet: In zwei bis drei Absätzen werden die bisher bekannten Informationen zusammengefasst. Seit der Eilmeldung haben sich womöglich Zahlenangaben (z.B. zu Toten und Verletzten bei einem Unglück) geändert, die Änderungen am Lead erforderlich machen. Informationen unterschiedlicher Quellen werden inhaltlich sortiert

*

12.50 Uhr Redaktionshinweis: In ein bis zwei Sätzen werden die Redaktionen informiert, dass sich Detailangaben geändert haben, etwa die Zahl der Todesopfer bei einer Naturkatastrophe. Damit soll vor allem den Rundfunksendern noch die Möglichkeit gegeben werden, ihre Nachrichtensendung zur vollen Stunde auf den aktuellsten Stand zu bringen. Gleichzeitig werden eine Erste Zusammenfassung mit weiteren neuen Informationen, ein Korrespondentenbericht vom Ort des Geschehens sowie dokumentarische Texte wie Chronik oder Stichwort angekündigt. Diese Hinweise erleichtern den Zeitungsredaktionen die Planung ihrer nächsten Ausgabe.

*

13.40 Uhr Erste Zusammenfassung: In etwa vier Absätzen werden alle bisher bekannten Informationen zusammengetragen. Dabei werden bisherige Angaben präzisiert, vielleicht gibt es auch schon erste Reaktionen von Betroffenen, zuständigen Offiziellen oder von Politikern. In Klammern wird angegeben, welche Informationen neu sind – damit können insbesondere die Rundfunkredaktionen abschätzen, inwieweit die Zusammenfassung für sie von Interesse ist. Der erste Absatz hat maximal 6 bis 8 Bildschirmzeilen à 69 Anschläge; die folgenden Absätze können länger sein und sollten inhaltliche Einheiten umfassen. Anfangs noch genannte Quellen fallen weg, wenn sie von höherrangigen Quellen ersetzt werden können.

*

14.30 Uhr Korrespondentenbericht mit persönlichen Eindrücken des Reporters oder einer Hintergrundanalyse aus der Redaktion. Informationen zu interessanten Nebenaspekten wurden in der Zusammenfassung ausgespart und jetzt in ein Stichwort ausgelagert. Diese wurden durch telefonische Befragung von Experten, im Internet oder aus Archivmaterial recherchiert. Eine Chronik gibt Orientierung zu Vorgeschichte oder ähnlichen Ereignissen der Vergangenheit.

*

15.00 Uhr Zweite Zusammenfassung mit vier bis acht Absätzen. Die Erste Zusammenfassung wird aktualisiert und ergänzt. Die besondere Aufmerksamkeit gilt dem Lead-Satz, der jetzt nicht mehr nur das reine Ereignis melden, sondern auch dessen Bedeutung einordnen und Lesemotivation bieten soll. Die Quellenangabe kann etwas in den Hintergrund rücken, wenn das Ereignis unstrittig ist. Der erste Absatz eignet sich als Vorspann für eine herausgehobene grafische Formatierung im Zeitungs- oder Online-Layout. Der zweite Absatz beginnt mit einer Vorspannbrücke, die den Bogen schlägt von den Kerninformationen des Lead-Absatzes zur Entwicklung des sich anschließenden Berichts. Dieser vermeidet schroffe Brüche, sondern achtet auf eine in sich stimmige und inhaltlich wie stilistisch harmonische Entwicklung.

*

15.40 Uhr Extrabericht Reaktionen: Inzwischen haben sich so viele Persönlichkeiten und Organisationen zu dem Ereignis geäußert, dass dies die Darstellung des eigentlichen Ereignisses unnötig aufblähen würde. Alle mündlichen wie schriftlichen Reaktionen werden daher in einem Extrabericht mit einem Umfang von drei bis sechs Absätzen ausgelagert.

*

16.00 Überblick: Dieses Meldungsformat sammelt äußerst gestrafft alle bisher bekannten Informationen, Reaktionen und Folgen des Ereignisses. Mit einem Umfang von drei bis vier Absätzen soll eine äußert kompakte Zusammenfassung geboten werden, die sich auch als „Anreißer“ für die erste Seite der Zeitungen anbietet. Gestrafft werden auch die Quellenangaben – die wesentlichen Informationen wurden ja zuvor bereits ausführlich mit Quellenangabe dargestellt.

*

ab 16.00 fortlaufende Berichterstattung mit weiteren Zusammenhängen je nach Entwicklung und neuen Informationen. Nach 20.00 Uhr werden wieder verstärkt Einzelmeldungen für die elektronischen Medien gesendet – die Zeitungsredaktionen müssen ihre bereits gesetzten Seiten nur dann noch einmal erneuern, wenn sich grundlegende neue Informationen einstellen.