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(überarbeitete und aktualisierte Fassung von Peter Zschunke: Die Agenturnachricht. In: Die Nachricht in Presse, Radio, Fernsehen, Nachrichtenagentur und Internet. Hrsg. Von Dietz Schwiesau und Josef Ohler. München: List-Verlag 2003)


Ohne Agenturmeldungen kommt keine Nachrichtenredaktion aus. Nachrichtenagenturen liefern die ersten Informationen über ein neues Ereignis und bieten damit die wichtigste Planungsgrundlage für Zeitungen, Zeitschriften, Radio, Fernsehen und Internet-Portale - ein umfassendes Angebot an aktuellen Inhalten wie Textnachrichten, Bilder, Infografiken, Audionachrichten, aktuelle Filmaufnahmen und Multimedia-Pakete für Web-Sites.

Von anderen Nachrichtenmedien unterscheiden sich die Agenturen vor allem darin, dass sie die allgemeine Öffentlichkeit zunächst nur indirekt ansprechen. Hauptadressaten sind die Redaktionen der unterschiedlichen aktuellen Medien, die den Nachrichtendienst der Agentur beziehen. Weitere Abnehmer können Behörden, Verbände, Gewerkschaften oder Unternehmen sein. Wenn Nachrichtenagenturen einen Teil ihrer Meldungen oder Kurzfassungen davon selbst im Internet verbreiten, dient dies der Image-Werbung.

Die Kunden der Nachrichtenagenturen zahlen vertraglich vereinbarte Gebühren für den fortlaufenden Bezug des Nachrichtendienstes und das Veröffentlichungsrecht – unabhängig davon, in welchem Ausmaß davon Gebrauch gemacht wird. Das Copyright an den Agenturtexten verbleibt auch nach ihrer Veröffentlichung bei der Nachrichtenagentur. Der Bezugspreis eines Nachrichtendienstes richtet sich bei Printmedien nach der Auflage, bei elektronischen Medien nach der Reichweite und bei Internet-Portalen nach der aufgrund von Pageviews (Seitenaufrufen) gemessenen Nutzung. Die Bezugspreise der einzelnen Nachrichtenagenturen klaffen zum Teil erheblich auseinander, da Meldungsumfang und thematische Schwerpunkte der Agenturdienste sehr unterschiedlich sind.

Als Großhändler von Nachrichten sehen sich die Agenturen Anforderungen ausgesetzt, die von den anderen Medien nicht oder nicht im gleichen Ausmaß beachtet werden müssen. Agenturnachrichten müssen

- einen besonders hohen Anspruch an sachlicher Richtigkeit und Verlässlichkeit erfüllen,
so wertfrei und objektiv wie möglich sein,

- besonders aktuell sein,

- immer wieder aktualisiert werden,

- und in Themenauswahl, Stil und Präsentation die Bedürfnisse unterschiedlicher Medien erfüllen.

Der Agenturstil hat unter Journalisten traditionell nicht den besten Ruf: Er wird seit jeher mit den Attributen spröde und schwerfällig versehen, gilt als überladen, umständlich und reich an Schachtelsätzen. Ursache war die peinliche Beachtung strenger Nachrichtengrundregeln wie der fünf „W-Fragen“ – Wer, was, wann, wo, warum? Inzwischen gelten auch für die Nachrichten der Agenturen andere Richtlinien. Mit dem Anstieg der Informationsflut ist Aufmerksamkeit eine äußerst wertvolle Ressource geworden. Eine aus verschachtelten Nebensätzen bestehende Nachricht wird von den Beziehern eines Agenturdienstes ignoriert. Die Meldung muss kompakt sein, sofort auf den Punkt kommen und ihre Information verständlich übermitteln.

Bei einer ersten Eilmeldung sind sprachliche Standards eine Hilfe, um die Information möglichst schnell zu übermitteln. Dazu gehören auch schablonenhafte Textbausteine wie

Bei einem x-Unglück sind am (Wochentag) in y (Ort) z Menschen ums Leben gekommen. X Personen wurden verletzt, wie die y-Behörde mitteilte.

Diese unterstützen Agenturjournalisten dabei, auch unter hohem Druck schnell, verständlich und informativ zu arbeiten. Solche Wendungen aus der Schublade gehören zum Handwerkszeug des Agenturjournalisten, wenn es gilt, schnell eine „breaking news“ zu verbreiten, eine überraschende Nachricht von hoher Tragweite, die blitzartig in den ansonsten gleichmäßig dahin fließenden Nachrichtenstrom hereinbricht. Eine solche Meldung hat möglichst schlicht und präzise die Botschaft zu vermitteln: Da ist etwas passiert. Erst wenn es anschließend um die Aktualisierung und Fortschreibung der Meldung geht, ist wieder stilistische Gefälligkeit, sprachlicher Einfallsreichtum und eine inhaltliche Einordnung gefordert, die über das unmittelbare punktuelle Geschehen hinaus reicht.



Um die Recherche der Agenturnachrichten kümmert sich ein Netz von Korrespondenten, die in ihrem geographisch oder thematisch abgesteckten Bereich die Augen offen halten. Die ideale Agenturmeldung ist die aus eigenem Augenschein geschriebene Nachricht. Damit erfüllt die Nachrichtenagentur am besten ihre ursprüngliche Aufgabe, Lücken zu schließen, die das belieferte Medium nicht mit eigenen Mitteln schließen kann. In Kriegs- und Krisenregionen sowie in Ländern mit einem repressiven Regime nehmen Agenturjournalisten existenzielle Risiken in Kauf, um die internationale Öffentlichkeit zu unterrichten. Die Jahresberichte der Menschenrechtsorganisation Reporter ohne Grenzen führen zahllose Fälle auf, in denen Journalisten der großen internationalen Nachrichtenagenturen während ihrer Arbeit verletzt wurden oder ihr Leben verloren haben.

Die unmittelbare Beobachtung bildet aber nur für eine Minderheit der Agenturnachrichten die Grundlage der Informationsbeschaffung. Die meisten Agenturmeldungen entstehen nach Pressekonferenzen, im Anschluss an telefonische Recherchen oder aufgrund von schriftlichen Pressemitteilungen.

In der Auslandsberichterstattung werden meist fremdsprachige Texte von Korrespondenten bearbeitet. Dabei geht eine weitgehende sprachliche Freiheit mit strenger Faktentreue einher: Wegen der erheblichen Stilunterschiede zum angelsächsischen (oder französischen) Nachrichtenjournalismus können die Texte nicht 1:1 übersetzt werden, sondern müssen sprachlich völlig neu gestaltet werden. Gleichzeitig muss jede aktuelle Detailinformation am Text der Vorlage festgemacht und überprüft werden – das tatsächliche Geschehen darf beim Schreiben der Meldung nicht ausgeschmückt oder aus eigener Vorstellung ergänzt werden.

24 Stunden am Tag muss eine Meldung immer wieder aktualisiert werden. Eine Agenturnachricht ist nie abgeschlossen. Jedes Ereignis und jedes Thema hat seinen eigenen Verlauf – über Stunden, Tage, Wochen oder Monate hinweg – und seine Folgewirkungen. Die Agenturmeldungen erfassen diese Entwicklung wie Momentaufnahmen eines Films, der kein Ende hat. In der Frequenz der Meldungen spiegeln sich die Dramatik des Nachrichtengeschehens und der Grad an Aufmerksamkeit, den die Öffentlichkeit einem Ereignis widmet.

Ein typischer Ablauf für die Berichterstattung über ein plötzlich herein brechendes Ereignis („breaking news“) könnte etwa so aussehen:

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12.00 Uhr Eilmeldung: Ein bis drei Sätze mit den ersten Informationen, die oft noch bruchstückhaft sind. Quelle sind meist Augenzeugen, anonyme Informanten, der Korrespondent der eigenen Agentur oder andere aktuelle Medien wie Rundfunksender.

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12.03 Uhr Erste Ergänzung zur Eilmeldung mit ein bis fünf Sätzen. Diese enthalten ergänzende Informationen, die bei der Eilmeldung im Interesse der Aktualität noch nicht genannt wurden. Sie stammen meist noch von derselben Quelle wie die erste Meldung.

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12.06 Uhr Zweite Ergänzung zur Eilmeldung mit drei bis zehn Sätzen. Es wird über weitere bereits bekannte Details berichtet. Vielleicht gibt es auch schon die Bestätigung durch eine offizielle Quelle wie Polizei oder andere Behörden – die Agenturredaktion hat in der Zwischenzeit intensive Telefonrecherche betrieben. Möglicherweise müssen auch Informationen weiterer Quellen berücksichtigt werden, die das Ereignis in einem neuen Licht erscheinen lassen.

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12.15 Uhr Dritte Ergänzung zur Eilmeldung mit ein bis zwei Absätzen. Jetzt werden Hintergrundinformationen übermittelt, die zur Einordnung des Ereignisses wichtig sind. Diese stammen meist aus dem eigenen Archiv der Agentur, bei durchgängigen Themen oft auch von Meldungen des gleichen Tags oder des Vortags.

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12.30 Uhr Erster Überblick, auch als „Kurzmeldung“ bezeichnet: In zwei bis drei Absätzen werden die bisher bekannten Informationen zusammengefasst. Seit der Eilmeldung haben sich womöglich Zahlenangaben (z.B. zu Toten und Verletzten bei einem Unglück) geändert, die Änderungen am Lead erforderlich machen. Informationen unterschiedlicher Quellen werden inhaltlich sortiert

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12.50 Uhr Redaktionshinweis: In ein bis zwei Sätzen werden die Redaktionen informiert, dass sich Detailangaben geändert haben, etwa die Zahl der Todesopfer bei einer Naturkatastrophe. Damit soll vor allem den Rundfunksendern noch die Möglichkeit gegeben werden, ihre Nachrichtensendung zur vollen Stunde auf den aktuellsten Stand zu bringen. Gleichzeitig werden eine Erste Zusammenfassung mit weiteren neuen Informationen, ein Korrespondentenbericht vom Ort des Geschehens sowie dokumentarische Texte wie Chronik oder Stichwort angekündigt. Diese Hinweise erleichtern den Zeitungsredaktionen die Planung ihrer nächsten Ausgabe.

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13.40 Uhr Erste Zusammenfassung: In etwa vier Absätzen werden alle bisher bekannten Informationen zusammengetragen. Dabei werden bisherige Angaben präzisiert, vielleicht gibt es auch schon erste Reaktionen von Betroffenen, zuständigen Offiziellen oder von Politikern. In Klammern wird angegeben, welche Informationen neu sind – damit können insbesondere die Rundfunkredaktionen abschätzen, inwieweit die Zusammenfassung für sie von Interesse ist. Der erste Absatz hat maximal 6 bis 8 Bildschirmzeilen à 69 Anschläge; die folgenden Absätze können länger sein und sollten inhaltliche Einheiten umfassen. Anfangs noch genannte Quellen fallen weg, wenn sie von höherrangigen Quellen ersetzt werden können.

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14.30 Uhr Korrespondentenbericht mit persönlichen Eindrücken des Reporters oder einer Hintergrundanalyse aus der Redaktion. Informationen zu interessanten Nebenaspekten wurden in der Zusammenfassung ausgespart und jetzt in ein Stichwort ausgelagert. Diese wurden durch telefonische Befragung von Experten, im Internet oder aus Archivmaterial recherchiert. Eine Chronik gibt Orientierung zu Vorgeschichte oder ähnlichen Ereignissen der Vergangenheit.

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15.00 Uhr Zweite Zusammenfassung mit vier bis acht Absätzen. Die Erste Zusammenfassung wird aktualisiert und ergänzt. Die besondere Aufmerksamkeit gilt dem Lead-Satz, der jetzt nicht mehr nur das reine Ereignis melden, sondern auch dessen Bedeutung einordnen und Lesemotivation bieten soll. Die Quellenangabe kann etwas in den Hintergrund rücken, wenn das Ereignis unstrittig ist. Der erste Absatz eignet sich als Vorspann für eine herausgehobene grafische Formatierung im Zeitungs- oder Online-Layout. Der zweite Absatz beginnt mit einer Vorspannbrücke, die den Bogen schlägt von den Kerninformationen des Lead-Absatzes zur Entwicklung des sich anschließenden Berichts. Dieser vermeidet schroffe Brüche, sondern achtet auf eine in sich stimmige und inhaltlich wie stilistisch harmonische Entwicklung.

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15.40 Uhr Extrabericht Reaktionen: Inzwischen haben sich so viele Persönlichkeiten und Organisationen zu dem Ereignis geäußert, dass dies die Darstellung des eigentlichen Ereignisses unnötig aufblähen würde. Alle mündlichen wie schriftlichen Reaktionen werden daher in einem Extrabericht mit einem Umfang von drei bis sechs Absätzen ausgelagert.

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16.00 Überblick: Dieses Meldungsformat sammelt äußerst gestrafft alle bisher bekannten Informationen, Reaktionen und Folgen des Ereignisses. Mit einem Umfang von drei bis vier Absätzen soll eine äußert kompakte Zusammenfassung geboten werden, die sich auch als „Anreißer“ für die erste Seite der Zeitungen anbietet. Gestrafft werden auch die Quellenangaben – die wesentlichen Informationen wurden ja zuvor bereits ausführlich mit Quellenangabe dargestellt.

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ab 16.00 fortlaufende Berichterstattung mit weiteren Zusammenhängen je nach Entwicklung und neuen Informationen. Nach 20.00 Uhr werden wieder verstärkt Einzelmeldungen für die elektronischen Medien gesendet – die Zeitungsredaktionen müssen ihre bereits gesetzten Seiten nur dann noch einmal erneuern, wenn sich grundlegende neue Informationen einstellen.



Formale Standards erleichtern die Aufgabe, Tag für Tag den Nachrichtenzyklus neu aufzurollen. Der Aufbau der Meldungen folgt festen Regeln, so dass sich alle Konzentration auf den Inhalt der aktuellen Informationen richten kann. Das von den Nachrichtenagenturen vereinbarte einheitliche Meldungsformat – als Standardisierungsorgan dient hier der International Press Telecommunications Council (IPTC) – bildet ein festes Gerüst mit Datenfeldern für Sendepriorität, Stichwörter oder Herkunft einer Meldung:

Mit der Prioritätskennung von 1 (höchste Dringlichkeit) bis 5 (niedrigste Dringlichkeit) erhält die Agenturmeldung eine Bewertung hinsichtlich Tragweite und Überraschungscharakter. Dass sich diese Einschätzungen von Agentur zu Agentur und auch innerhalb einer Redaktion unterscheiden, liegt auf der Hand. Auch werden die Sendeprioritäten und Bezeichnungen dafür von den einzelnen Nachrichtenagenturen unterschiedlich gehandhabt.

Sendeprioritäten

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Blitz – Prorität 1: für Ereignisse von potenziell historischer Bedeutung und höchstem Überraschungsgrad. Beispiele sind der Beginn eines Krieges oder der Tod eines amtierenden Regierungschefs im eigenen Land. Meldungsumfang: wenige Stichwörter.

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Eil – Priorität 2: für herausragende Ereignisse von hohem Überraschungsgrad, die einen deutlichen Einschnitt bedeuten. Beispiele sind der Rücktritt einer Regierung oder eine Naturkatastrophe mit großen Schäden. Meldungsumfang: ein Satz.

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Standardmeldung – Priorität 3: für Ereignisse, die aus dem gleichmäßigen Strom der Meldungen herausgehoben werden sollen. Beispiele sind die Unterzeichnung eines internationalen Abkommens oder der Tod einer prominenten Persönlichkeit. Meldungsumfang: ein bis zwei Absätze.

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Standardmeldung – Priorität 4: für Routine-Ereignisse, wie sie jeden Tag auftreten können, sowie für Korrespondentenberichte und andere Begleittexte zur Nachricht. Beispiele sind Äußerungen eines Politikers oder die Bilanz eines Unternehmens. Meldungsumfang: ein Absatz bis zur maximalen Obergrenze (von Agentur zu Agentur unterschiedlich).

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Technische Mitteilungen – Priorität 5: für Routinemitteilungen der Nachrichtenagentur an die Bezieher des Dienstes ohne einen aktuellen Bezug.

Die Ressortkennung ordnet die Meldung einem Ressort zu – üblich sind pl (Politik), wi (Wirtschaft), ku (Kultur), vm (Vermischtes) und sp (Sport). Redaktionshinweise wie die Ankündigung einer Zusammenfassung werden mit der Ressortkennung rs (Redaktioneller Service) übermittelt. Die Stichwortzeile enthält ein bis fünf Begriffe, die eine grobe inhaltliche Einordnung der Meldung bieten. Dieses Feld im Meldungsformat ist die zentrale Ansatzstelle für die Redaktionen, um in mehreren Agenturdiensten gleichzeitig nach Meldungen zu einem bestimmten Thema zu suchen. Intelligentere Suchstrategien als bisher ermöglicht das bereits teilweise verwendete Dateiformat der Extensible Markup Language (XML) mit spezifischen Umsetzungen für Agenturmeldungen (NITF und NewsML).

Die mehrmals am Tag gesendeten Nachrichtenübersichten der Agenturen erheben den Anspruch, alle für die aktuelle Berichterstattung relevanten Themen aufzulisten. Wie die Terminvorschau zu Beginn eines Tages bietet sie Nachrichtenredaktionen eine Grundlage zur Planung. Zugleich geben Nachrichtenübersichten auch einen Überblick zu den Agenturangeboten, die als „Extras“ oder „Sidebars“ die eigentliche Kernnachricht begleiten.



Das Spektrum von Textformaten im Angebot einer Nachrichtenagentur ist breit gefächert:

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Meldung: kurze, gedrängte Nachricht mit den wesentlichen Informationen über ein aktuelles Geschehen

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Serie („Running“): Meldungsfolge, bei der die jeweils neuesten Informationen an eine erste Meldung angehängt werden; üblich im Anschluss an eine Vorrang- oder Eilmeldung

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Bericht: ausführlichere Variante der Nachricht mit zahlreichen Details des aktuellen Geschehens und erläuterndem Hintergrund

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Zusammenfassung: Aktualisierung einer Meldung oder eines Berichts, innerhalb eines Tages durchnummeriert

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Überblick: kurze Zusammenfassung von mehreren Aspekten eines Geschehens, über die zuvor getrennt berichtet wurde

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Korrespondentenbericht: ausführlicher Bericht mit namentlich genanntem Verfasser; je nach Inhalt und Stil als Feature, Reportage, Porträt oder Analyse angeboten

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Vorbericht: Bericht über ein bevorstehendes Ereignis; manchmal bis zu einer Woche im voraus, manchmal am gleichen Tag, wenn - etwa bei Ereignissen in Amerika – die Zeitverschiebung dem Redaktionsschluss der Zeitungen entgegensteht

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Nachtvorschau: kurzer Vorbericht am Vorabend des Ereignistages, vor allem für den Rundfunk gedacht

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Stichwort: sachliche Erläuterung zu einem aktuellen Begriff

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Chronik: chronologischer Überblick zu einer Entwicklung oder Aufstellung zu vergleichbaren Ereignissen der Vergangenheit

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Wortlaut: Originaldokumentation einer bedeutenden Rede, eines Vertrags oder eines anderen Dokuments, entweder vollständig oder in Auszügen

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Zitat: einzelne Äußerung, die besonders originell oder aussagekräftig ist



Die Gestaltung des Nachrichtendienstes ist Aufgabe des jeweiligen Schichtleiters oder Tischredakteurs. In einer typischen Agenturredaktion sitzt er in der Mitte einer Arbeitsgruppe und verteilt Meldungen zur Bearbeitung an die ihn umgebenden Redakteurinnen und Redakteure:

Geprägt wird die Arbeit in der Agenturredaktion von der Schichteinteilung des Dienstplans: Damit die Berichterstattung über 24 Stunden hinweg abgedeckt werden kann, überschneiden sich die einzelnen Schichten. Dabei haben die Agenturredaktionen mittags und nachmittags die stärkste Besetzung.

Im Laufe eines Nachrichtentages verschieben sich die Prioritäten der Agenturredaktion entsprechend der Produktionsbedingungen von Print- und elektronischen Medien. Am Morgen und am Vormittag nimmt der Nachrichtentag allmählich Gestalt an. Die Schichtleiter setzen in Abstimmung mit der Chefredaktion die Schwerpunkte und wählen Themen aus, die als Schwerpunkte besonders ausführlich behandelt werden sollen. Über den Nachmittag hinweg werden dann bis zum frühen Abend kontinuierlich Zusammenfassungen verbreitet, um den Zeitungen vor ihren gestaffelten Redaktionsschlusszeiten die wichtigsten Nachrichten des Tages optimal zu präsentieren. Am späteren Abend haben die meisten Zeitungsredaktionen ihre Seiten zum größten Teil fertig. Daher werden jetzt überwiegend kurze Meldungen gesendet, die den Bedürfnissen von Radio und Fernsehen am besten entgegenkommen. Diese Medien sind auch in der Nacht die Hauptabnehmer, so dass bis zum Morgen die kurze schnelle Meldung im Zentrum des Agenturdienstes steht.

Arbeitet eine Agenturredaktion an der Nachfrage vorbei, so produziert sie letztlich für den Papierkorb. Der täglichen Erfolgskontrolle dient die Zeitungsauswertung oder das Tagesprotokoll: Hier wird für alle wichtigen Themen eines Tages analysiert, wie die eigene Agentur im Wettbewerb mit den Konkurrenten abgeschnitten hat. Die Ursachenforschung im Fall eines schlechten Abschneidens ist Teil der internen Qualitätskontrolle.

Allerdings ist die Veröffentlichung nicht notwendigerweise das einzige Ziel. So können Agenturnachrichten auch dazu dienen, die belieferte Redaktion über die Entwicklung eines Themas zu informieren, über das diese zwar noch nicht aktuell berichten, das sie aber im Auge behalten will. Mit der Erfüllung einer solchen Chronistenpflicht sichert die Agenturredaktion auch ihre fachliche Kompetenz bei Themen oder in geographischen Regionen, die zeitweise aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit geraten sind.



Im Agenturjournalismus haben punktuelle Ereignisse, die eindeutig in Raum und Zeit festgemacht werden können, eine größere Beachtungschance als längerfristige Entwicklungen und Prozesse. Die Nachrichtenauswahl aufgrund der Macht der Ereignisse oder der von allen Medien in Gang gesetzten Themenkonjunkturen sollte so mit redaktioneller Planung bewusst ergänzt werden. Die Nachrichtenagentur hat dann auch die Chance, auf zu Unrecht vernachlässigte Themen aufmerksam zu machen. Je seltener über ein Thema oder ein fernes Land berichtet wird, umso mehr Hintergrund ist gefragt. Allerdings ist Vollständigkeit als Zielgröße ähnlich wie Objektivität nie hundertprozentig zu erreichen und steht zudem in Konflikt mit der Forderung nach kompakter Darstellung und Eindämmung der Informationsflut.
Ständige Qualitätskontrolle achtet auf die Einhaltung der inhaltlichen Standards. Im Fluss der Agenturmeldungen – einige Nachrichtenagenturen verbreiten jeden Tag mehr als 500 Meldungen – bleibt es bei allem Bemühen um Sorgfalt nicht aus, dass fehlerhafte Meldungen verbreitet werden. Dies reicht von typischen Flüchtigkeitsfehlern wie der Verwechslung des Wochentags bis hin zu schwer wiegenden Falschmeldungen. Damit Fehler möglichst schnell bemerkt und korrigiert werden, sollte der Nachrichtendienst von allen Redakteuren mitgelesen werden. Hilfreich sind Hinweise aus den Redaktionen der belieferten Medien. Sobald ein Fehler bemerkt wird, sollte er so schnell wie möglich in Form einer Berichtigung und einer Berichtigten Wiederholung korrigiert werden. Wenn nicht nur Details falsch sind, sondern die gesamte Meldung aufgrund neuer Informationen nicht mehr aufrechterhalten werden kann, muss sie in Form eines „Kills“ zurückgezogen werden. Wird ein schwer wiegender Fehler erst am nächsten Tag oder noch später bemerkt – wenn die Meldung bereits elektronisch oder im Print verbreitet wurde – kann man nur noch eine neue Meldung mit der korrekten Darstellung verbreiten und auf die ältere Meldung mit den Falschinformationen hinweisen.

Mit Blick auf die potenziell millionenfache Verbreitung einer Agenturmeldung kann das Sicherheits- und Qualitätsdenken in der Agenturredaktion gar nicht ausgeprägt genug sein. Diese hohe Verantwortung kommt zum Ausdruck in Grundsätzen, wie sie der angelsächsische Agenturjournalismus entwickelt hat. „Get it first – but first get it right!“ – Schnelligkeit darf nie auf Kosten einer korrekten Darstellung gehen. Weniger bekannt, aber nicht minder wichtig ist die Regel: „If in doubt, leave it out!“ – im Zweifelsfall besser weglassen.

Hilfreich ist das methodische Repertoire der Quellenkritik in der Geschichtswissenschaft. Stammt die Information wirklich von dem in der Fax-Mitteilung oder der E-Mail genannten Absender? Der leiseste Zweifel sollte sofort den Griff zum Telefonhörer nach sich ziehen, um mit einem Anruf die Authentizität der Mitteilung zu überprüfen. Die nächsten Fragen richten sich nach der Qualität der Mitteilung. Ist der Absender kompetent genug und befugt, etwas über diesen Gegenstand mitzuteilen? Enthält die Mitteilung Vorwürfe gegenüber Personen oder Organisationen, die im Interesse von Objektivität und Fairness dazu befragt werden sollten? Lässt die Mitteilung zentrale Fragen offen, die eine Zusatzrecherche erforderlich machen? Um Dementis und Beschwerden vorzubeugen, sollte man dem Gesprächspartner am Telefon erklären, welche Aussagen man veröffentlichen will und welche Zitate wörtlich verbreitet werden können.

Die Agenturnachricht stellt oft die allererste Information über ein neues Ereignis dar. Sie löst Reaktionen aus und bringt Diskussionen in Gang. Die Agenturnachricht ist das Fundament für Meinungsformate wie Kommentar und Leitartikel und damit letztlich auch für die Meinungsbildung der Öffentlichkeit.

Merksätze:

- Agenturnachrichten sind auf Weiterverbreitung angewiesen – sie müssen daher zunächst die Aufmerksamkeit der Zeitung-, Rundfunk- und Online-Redakteure auf sich ziehen. Deshalb sollten sie möglichst kompakt, informativ und verständlich geschrieben sein.

- Die einzige redaktionelle Linie der Nachrichtenagentur ist das Bemühen um Objektivität. Beim Schreiben einer Meldung dürfen keine unterschwelligen Wertungen einfließen. Inhaltliche Darstellung und Begriffswahl müssen die erforderliche Distanz zu allen Beteiligten eines Ereignisses halten.

- Bei der Nachrichtenauswahl muss nach der tatsächlichen Bedeutung und Reichweite jeder Meldung gefragt werden: Stößt diese Nachricht wirklich auf das Interesse einer breiten Öffentlichkeit? Welche Themen finden in den Medien gerade besondere Beachtung?

- Wenn eine Pressemitteilung als Grundlage für eine Meldung dient, sollte diese nicht auf den Bildschirm geholt, sondern nur als Papierausdruck auf den Schreibtisch gelegt werden. Diese räumliche Trennung von eigenem und fremdem Text unterstützt das Bemühen um kritische Distanz zu den übermittelten Inhalten.

- Im Bemühen um Schnelligkeit darf die Richtigkeit nicht auf der Strecke bleiben. Eine Meldung sollte nur dann verbreitet werden, wenn es keine Zweifel am korrekten Inhalt gibt: Get it first, but first get it right!

- Auch die Details einer Nachricht müssen stimmen. Jede kleine Nebeninformation muss einer Überprüfung standhalten. Ansonsten gilt der Grundsatz: If in doubt, leave it out!