Normale Arbeitstage sind die Ausnahme. So lautet ein Ergebnis der Agenturforscherin Hannah Lorenz, die jetzt ihre Forschungsarbeit zur Nachrichtenproduktion von Brüsseler Agenturjournalisten vorgelegt hat. Zwar gebe es ein Potpourri an wiederkehrenden Aufgaben, aber auch eine stark schwankende Arbeitsbelastung, insbesondere in der Berichterstattung über EU-Ministerräte. Nachrichtenagenturen gehen nicht nach Hause, zitiert die Autorin einen der von ihr interviewten Agenturjournalisten. 

Die Berichterstattung ist ereignisgetrieben und institutionenorientiert, schreibt Hannah Lorenz. Die Agenturjournalisten in Brüssel sehen ihre Hauptaufgaben in der Informationsvermittlung und im Erklären von Abläufen und Entwicklungen der Europäischen Union. 

EU-Korrespondenten arbeiten nach Einschätzung der Autorin im Spannungsfeld zwischen dem Hier in Brüssel und dem Dort ihres Heimatlandes. Von den 955 Mitgliedern des Brüsseler Pressecorps (2015) ist etwa jeder Fünfte für eine Nachrichtenagentur tätig. Die meisten der 36 befragten Akteure sehen das EU-Projekt positiv, beurteilen viele Entwicklungen aber auch kritisch und betonen die Notwendigkeit einer neuen europäischen Vision

Für die Herausbildung einer europäischen Öffentlichkeit sind die Agenturjournalisten in Brüssel von hoher Bedeutung, denn die Heimatredaktionen berichten aus einer genuin nationalen Perspektive, die Herangehensweise der Korrespondenten wiederum ist stärker europäisch und damit pluralistischer ausgeprägt. Gleichwohl gelangt die Studie zu dem Ergebnis, dass die Korrespondenten nationaler Agenturen ihre Meldungen bei ähnlichen Auswahlkriterien vorwiegend länderspezifisch adaptieren, während AFP und Reuters aus einer globalen Perspektive über das EU-Geschehen berichten. Hingegen orientiert sich AP mit seinem deutlich kleineren Brüsseler Büro vor allem am US-Markt. Die Korrespondenten der internationalen Agenturen dpa und Efe stehen laut Lorenz zwischen einer europäischen Perspektive und dem Bezugsrahmen des Nationalstaats, tendieren jedoch stärker in Richtung Nationalisierung. Diese Fragen, wo wünscht sich die Autorin, sollten künftig mit einer Analyse der Inhalte der Nachrichtendienste weiter erforscht werden.

Die meisten Brüsseler Agenturjournalisten sind Einzelkämpfer, die drei bis fünf Jahre in Brüssel bleiben. Viele nationale Agenturen haben nur einen Korrespondenten in Brüssel, sie sind de facto immer im Dienst. Der Arbeitstag dauere meist länger als acht Stunden und er ist von einem permanenten Zeitdruck geprägt. Umso wichtiger ist der enge Kontakt mit Journalisten anderer Medien: Die Kollegen unterstützen sich in vielfacher Hinsicht, bspw. mit ihren Sprachkenntnissen, durch Einordnung und Analyse oder den Austausch von Informationsmaterial. Die Autorin sieht darin auch eine Reaktion auf die herausfordernden Arbeitsbedingungen in Brüssel. 

Den Auslöser für Nachrichten gibt in erster Linie der EU-Kalender vor, darunter das tägliche Midday Briefing der EU-Kommission um 12 Uhr. Außerdem können Beiträge anderer Medien zum Anlass für eigene Berichterstattung werden. Das Verhältnis zu ihren Quellen beschreiben die Agenturkorrespondenten gleichermaßen als Spiel und symbiotisches Verhältnis. Bei exklusiven Informationen seien sie sich bewusst, dass diese meist mit bestimmten Absichten gegeben würden. Und viele Korrespondenten treibt die Sorge um, in die Brüsseler Blase hineingezogen zu werden. Diese schwebe oberhalb der belgischen Gesellschaft, seine 'Bewohner' überschätzen häufig die Bedeutung der EU und haben den Bezug zur EU-Bevölkerung verloren. Zumindest in der Nähe dieser Blase sind die Brüsseler Agenturjournalisten vielleicht in einer ähnlichen Situation wie Hauptstadtjournalisten, im Unterschied zu sonstigen Auslandskorrespondenten - Hannah Lorenz spricht auch von einem ausgelagerten, verlängerten Arm der Zentralredaktion.

Das jetzt im Nomos-Verlag erschienene Buch ist die überarbeitete Version einer Dissertation, die Hannah Lorenz am Institut für Kommunikationswissenschaft der Uni Münster schrieb. Ihre Forschungsarbeit platziert die Wissenschaftlerin in die bislang noch recht überschaubare wissenschaftliche Beschäftigung mit Nachrichtenagenturen: Agenturforschung zeichnet sich durch Ermangelung aus. Theoretisches Handwerkzeug der Studie ist das akteurtheoretische Konzept des Soziologen Uwe Schimank, der die Systemtheorie von Niklas Luhmann weiterentwickelt hat. Dabei werden drei Teilsysteme unterschieden: ein allgemeiner Orientierungshorizont, die institutionellen Ordnungen und die spezifische Konstellation von mehreren Akteuren. Während die drei Strukturdimensionen gemeinsam das Wollen, Sollen und Können von Akteuren prägen, (re)produziert Akteurhandeln umgekehrt die sie prägenden Strukturen. So kann die Autorin gleichzeitig journalistisches Handeln, Medienstrukturen und das EU-System in den Blick nehmen. 

Im Überblick zur Situation von Nachrichtenagenturen betrachtet Hannah Lorenz auch jüngste Marktentwicklungen und aktuelle Herausforderungen. Und gelangt dabei zu dem Schluss, dass Agenturen als zuverlässige und glaubwürdige Partner auch in Zukunft von großer Bedeutung sein werden.

(Hannah Lorenz: Im Spannungsfeld von Wollen, Sollen und Können. Brüsseler Agenturjournalisten als Nachrichtendienstleister. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2017. 500 Seiten. 94 Euro)

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