(überarbeitete Fassung von Peter Zschunke: Nachrichtenagenturen.
In: Lexikon der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Oldenbourg-Verlag, 2001)


 
Nachrichtenagenturen haben eine Schlüsselfunktion für alle Massenmedien und sind der wohl wichtigste Verteiler für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Als Dienstleister versorgen sie Redaktionen mit aktuellen Nachrichten aller Art - Nachricht verstanden als möglichst objektive Darstellung eines aktuellen Ereignisses, die alle wesentlichen Informationen in knapper Form an die Öffentlichkeit bringt.
Nachrichtenagenturen werden manchmal auch als Nachrichten-Großhändler bezeichnet: Sie sind Unternehmen, die Informationen über aktuelle Ereignisse sammeln und in Text, Bild oder Ton kontinuierlich an feste Bezieher weiterleiten. Neben der fort-laufenden Belieferung mit aktuellen Texten und Bildern ermög-lichen Nachrichtenagenturen auch den Zugriff auf ihr elektro-nisches Text- oder Bildarchiv. Die Online-Recherche in den Datenbanken der Agenturen steht zum Teil auch Interessenten offen, die keine Agenturkunden sind.

Die Quellen von Nachrichtenagenturen sind die direkte Beobach-tung, Mitteilungen von Informanten - sei es in Form organisier-ter Pressekonferenzen, schriftlicher Pressemitteilungen oder Antworten auf Anfragen - und andere Massenmedien. Neben Presse und Rundfunk gehören auch Unternehmen, Behörden, Parteien, Gewerkschaften und andere Organisationen zu den Agenturkunden. Ohne zwischengeschaltete Medien finden Agenturnachrichten im Internet auch den direkten Weg zu interessierten Rezipienten. Hier fließen sie als aktuelle Informationen in Web-Angebote wie T-Online oder Yahoo ein.

Nachrichtenagenturen haben eine öffentliche Aufgabe; ihre Angebote unterliegen bestimmten Qualitätsanforderungen wie Richtigkeit, Objektivität, Relevanz, Schnelligkeit und Verständlichkeit. Eine Sonderrolle erfüllen Tochtergesellschaf-ten von Nachrichtenagenturen wie der Original-Text-Service (ots) der Deutschen Presse-Agentur (dpa), die den reinen Trans-port von von unveränderten Pressemitteilungen - also unabhängig von journalistischen Qualitätskriterien und ohne jede Bearbei-tung - an die angeschlossenen Redaktionen anbieten.

Entstanden sind die Nachrichtenagenturen in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Als älteste Nachrichtenagentur entstand 1835 die Agence Havas, Vorläuferin der Agence France Press (AFP), aus einem Zusammenschluß kleinerer Nachrichten- und Übersetzungs-büros. Die Zeitungen nahmen ihre Dienste in Anspruch, weil sie einerseits zwar eine möglichst umfassende Berichterstattung aus aller Welt bieten wollten, andererseits aber nur begrenzt eige-ne Korrespondenten entsenden konnten.

Um Zeitungen unterschiedlicher Richtungen als Kunden zu gewin-nen, entwickelten Nachrichtenagenturen den Grundsatz der mög-lichst neutralen Berichterstattung - ihr Ideal weitgehender Objektivität gründet also letztlich in einem kommerziellen Interesse.

Der Inhalt eines Agenturdienstes wird von der Rechtsform des Unternehmens und seiner wirtschaftlichen Stellung beeinflußt. Nachrichtenagenturen gibt es als Privatunternehmen, genossen-schaftliche Zusammenschlüsse von Medienbetrieben und als Staatsunternehmen. Auch Zwischenformen sind möglich wie bei der französischen AFP mit der Organisation einer öffentlich-recht-lichen Körperschaft bei privatwirtschaftlicher Ausrichtung des Managements. Eine weite Verbreitung hat das Modell der genossenschaftlichen Trägerschaft gefunden, zuerst bei Associated Press (AP) als Gemeinschaftseinrichtung von Zeitun-gen und Rundfunksendern in den USA, später auch bei der japan-ischen Kyodo, der dpa, der Austria Presse Agentur (APA), der Schweizerischen Depeschen-Agentur (SDA), der italienischen Agenzia Nazionale Stampa Associata (ANSA) und anderen. Die wirtschaftlichen Erträge dieser derart organisierten Agenturen werden in der Regel nicht ausgeschüttet, sondern in die technischen und personellen Kapazitäten reinvestiert.

Die auf Ertragsmaximierung angelegten Privatagenturen haben ihren Schwerpunkt zumeist nicht im Medienbereich, sondern in der lukrativen Belieferung von Finanzunternehmen mit aktuellen Wirtschaftsdaten. Bei der Reuters Holding PLC, der weltweit umsatzstärksten Nachrichtenagentur, stammen weniger als zehn Prozent der Einnahmen von Medienkunden. Zu den Reuter-Gesellschaftern gehören aber zwei genossenschaftlich organi-sierte Agenturen: die britische Inlandsnachrichtenagentur Press Association (PA) und die Australian Associated Press (AAP). Auch Finanzinformationsdienste wie die Vereinigten Wirtschafts-dienste (VWD), AP-Dow Jones, Knight-Ridder oder Bloomberg zäh-len einzelne Medienunternehmen zu ihren Eigentümern.

Eine völlig andere Ausrichtung haben Staatsagenturen. Sie bedienen vorrangig nicht die Informationsbedürfnisse ihrer Kunden, sondern wirken als Instrument staatlicher Informations-politik sowohl nach innen als auch in die internationale Öffentlichkeit hinein. In Ländern mit Staatsparteien beeinflußt deren Ideologie unmittelbar das inhaltliche Angebot der Nach-richtenagentur bis hin zu bestimmten Sprachregelungen. Nach dem Auseinanderbrechen des sowjetischen Machtbereichs ist die chinesische Xinhua die bedeutendste Agentur dieser Prägung geblieben. Die russische ITAR-TASS, hervorgegangen aus der sowjetischen TASS, ist zwar nicht mehr an die kommunistische Ideologie gebunden, hat aber weiterhin amtlichen Charakter. Zentrale Aufgabe der Staatsagenturen ist die Verbreitung offizieller Mitteilungen der Regierung. Im Interesse der Herausbildung einer nationalen Identität wurden daher auch in den meisten Ländern der Dritten Welt staatliche Agenturen ge-gründet.

Neben den Unterschieden in der Rechtsform werden Nachrich-tenagenturen nach der Ausdehnung ihres Korrespondentennetzes eingeteilt in Weltagenturen, internationale Agenturen, Re-gionalagenturen und Nationalagenturen. Weltagenturen verfügen über ein derart großes Netz von Korrespondenten, dass sie aus eigener Kraft eine Berichterstattung aus allen Regionen der Erde gewährleisten können. Außerdem bieten sie Nachrichten-dienste in mehreren Sprachen an und sind daher auch in ihrem Vertrieb international ausgerichtet. Zu den Weltagenturen zählen AP, Reuters und AFP. Der Unterschied zu den internationalen Agenturen ist lediglich gradueller Art, da für diese die genannten Kriterien einer Weltagentur ebenfalls zutreffen, aber in geringerem Maße ausgeprägt sind. Zu den führenden internationalen Agenturen zählt die dpa. Klarer bestimmt werden kann die Gruppe der Regionalagenturen, die in einer bestimmten Region länderübergreifend tätig sind wie z.B. die ägyptische MENA für den Nahen Osten. Die meisten der mehr als 180 Nachrichtenagenturen mit einem tagesaktuellen politi-schen Dienst sind nationale Agenturen, die im wesentlichen nur in ihrem jeweiligen Inland eigene Berichterstatter haben.

Alle Agenturen verbindet ein vielseitiges System von Austauschverträgen, ausgenommen sind Vertragsbeziehungen zwi-schen direkten Konkurrenten auf dem gleichen Nachrichtenmarkt. Ein typisches Verhältnis ist etwa die Verbindung zwischen einer Weltagentur und einer Nationalagentur, wobei der kleinere Partner die internationale Berichterstattung übernimmt und die große Agentur das nationale Meldungsangebot auswertet. Große nationale Agenturen wie die APA haben die Dienste vieler internationaler Agenturen abonniert und können so eine Synopse aus dem Gesamtangebot zusammenstellen.

Unterschieden werden Nachrichtenagenturen ferner nach ihrer inhaltlichen Reichweite: Während Universalagenturen das gesamte aktuelle Geschehen aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport und dem sogenannten Vermischten abdecken, konzentrieren sich Spezialagenturen auf ein bestimmtes Thema. Zu nennen sind hier etwa in Deutschland der Evangelische Pressedienst (epd) und die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) sowie der Sport-Informa-tions-Dienst (sid).

Texte und Bilder der Nachrichtenagenturen kommen überwiegend über Satellit in die angeschlossenen Redaktionen. Zunehmend wird auch das Internet zumindest für bestimmte Einsatzzwecke wie das Backup im Fall einer Übertragungsstörung genutzt. Die Korrespondentenbüros sind national wie international zumeist mit festen Standleitungen vernetzt. Pressemitteilungen kommen auf dem Postweg, mit Telefax und zunehmend auch als E-Mail in die Agenturredaktionen.

Die zentrale Leistung der Nachrichtenagenturen besteht im preiswerten Angebot aktueller Texte - preiswert verglichen mit den Kosten für die Eigenproduktion: auf den Bezug von Agenturdiensten entfallen durchschnittlich weniger als fünf Prozent der Redaktionskosten. Die Bedeutung der Agenturen für die Massenmedien erschöpft sich aber nicht in dieser Rationalisierung der Nachrichtenbeschaffung. So geben Nachrich-tenagenturen auch Orientierungshilfe in der Informationsflut. Ihre Gewichtungen von Ereignissen beeinflussen die Rangordnung, die die Nachrichtenthemen des Tages in den Redaktionen erhal-ten. Bei diesem sogenannten Agenda-Setting orientieren sie sich an anderen Leitmedien wie den Nachrichtensendungen im Fernsehen oder den wöchentlich erscheinenden Nachrichtenmagazinen.

Die Informationsflut kann auch in der Form eingedämmt werden, daß sogenannte Selektionsdienste angeboten werden: der Agentur-kunde erhält dann nur Informationen zu den ihn interessierenden Themen. Je nach Bedeutung eines Ereignisses oder Themas bieten die Agenturen den Beziehern ihres Nachrichtendienstes Ergän-zungen zur Kernberichterstattung an: Begleitende Hintergrund-berichte oder Reportagen, Fotos und Grafiken.

Seit Ende der 80er Jahre hat sich das Angebot der Nachrichten-agenturen für Presse und Rundfunk erheblich ausgeweitet. Der aktuelle Basisdienst hat bei dpa einen durchschnittlichen Umfang von täglich 500 bis 600 Meldungen. Bei AP, Reuters und AFP sind es jeweils 200 bis 400 Meldungen. Als charak-teristische Unterschiede in Stil und Aufmachung der Nachrichten nennen Zeitungsredakteure bei dpa betonte Sachlichkeit, bei AP und AFP sprachlich aufgelockerte Darstellung und bei Reuters präzise Knappheit. Die ausführlichste Wirtschaftsbericht-erstattung bieten dpa und Reuters. Das größte internationale Korrespondentennetz können AFP, AP und Reuters nutzen. Zum AP-Dienst gehören wöchentliche Pakete mit aktuellen, aber nicht unbedingt an den Tag gebundenen Meldungen, Hintergrundberichten und Rezensionen zu den Themen Kino/Film, Computer, Popmusik, Gesundheit, Verbraucherservice sowie Geld/Börse. Soft News, also bunter Lesestoff und Lifestyle-Berichterstattung, gelten als Schwerpunkte von AP und AFP. Regionale Landesdienste werden nur von dpa und ddp angeboten.

Darüber hinaus bieten die Nachrichtenagenturen auch nichttextgebundene Informationen an. Einen aktuellen Bilder-dienst gibt es bei dpa, AP, und Reuter; hier arbeitet AFP mit dpa bei der internationalen Bildberichterstattung in der European Pressphoto Agency (EPA) zusammen. Infografiken zu aktuellen Themen gibt es inzwischen von nahezu allen Nachrichtenagenturen, spezielle Audio-Angebote von dpa, AFP und ddp. Aktuelle Nachrichtenfilme bieten Reuters Television und die AP-Tochter APTN.

In Deutschland konkurrieren fünf Nachrichtenagenturen miteinander. Diese international einmalige Situation hat dazu geführt, daß die Agenturen den Bedürfnissen ihrer Kunden immer weiter entgegenkommen - der Wettbewerb wird nicht nur über Bezugspreise (die sich bei dpa und AP an Auflagenhöhe von Zeitungen und Reichweite von Sendern richten), sondern vor allem auch über Vielfalt und Qualität des journalistischen Produkts geführt. Marktführerin ist dpa, die für die meisten Zeitungen auch wegen ihrer Landesdienste unverzichtbar ist. Ihr Basistextdienst wurde 1999 von 132 der 136 publizistischen Einheiten (Tageszeitungen mit Vollredaktion) bezogen und erreicht damit 98,5 Prozent der Gesamtauflage. AP beliefert 92 (84,4 Prozent), Reuters 52 (62,5 Prozent), AFP 31 (42,1 Prozent) und die 1999 vom Fernsehsender Pro7 übernommene Nachrichtenagentur ddp 24 publizistische Einheiten mit einer Reichweite von 35,1 Prozent der gesamten Zeitungsauflage von rund 24 Millionen. Lediglich 18,4 Prozent beschränken sich auf den Bezug einer einzigen Nachrichtenagentur (zumeist dpa). 41,2 Prozent haben Verträge mit zwei Agenturen, wobei dpa und AP die häufigste Kombination ist. Je stärker die Konkurrenz zwischen den Zeitungen in einem Verbreitungsgebiet, desto eher die Neigung zum Bezug von mindestens drei Agenturen. Zum Markt der Rundfunkkunden gibt es keine neueren Zahlen; doch liegt nach einer Untersuchung aus dem Jahr 1996 auch hier dpa auf Platz 1, gefolgt von den etwa gleichauf rangierenden Zweitagenturen AP, rtr und AFP sowie ddp. Noch in Bewegung ist der Markt der Online-Angebote und Web-Portale als Bezieher von Agenturmeldungen.