(überarbeitete und aktualisierte Fassung von Peter Zschunke: Die Agenturnachricht. In: Die Nachricht in Presse, Radio, Fernsehen, Nachrichtenagentur und Internet. Hrsg. Von Dietz Schwiesau und Josef Ohler. München: List-Verlag 2003)


Ohne Agenturmeldungen kommt keine Nachrichtenredaktion aus. Nachrichtenagenturen liefern die ersten Informationen über ein neues Ereignis und bieten damit die wichtigste Planungsgrundlage für Zeitungen, Zeitschriften, Radio, Fernsehen und Internet-Portale - ein umfassendes Angebot an aktuellen Inhalten wie Textnachrichten, Bilder, Infografiken, Audionachrichten, aktuelle Filmaufnahmen und Multimedia-Pakete für Web-Sites.

Von anderen Nachrichtenmedien unterscheiden sich die Agenturen vor allem darin, dass sie die allgemeine Öffentlichkeit zunächst nur indirekt ansprechen. Hauptadressaten sind die Redaktionen der unterschiedlichen aktuellen Medien, die den Nachrichtendienst der Agentur beziehen. Weitere Abnehmer können Behörden, Verbände, Gewerkschaften oder Unternehmen sein. Wenn Nachrichtenagenturen einen Teil ihrer Meldungen oder Kurzfassungen davon selbst im Internet verbreiten, dient dies der Image-Werbung.

Die Kunden der Nachrichtenagenturen zahlen vertraglich vereinbarte Gebühren für den fortlaufenden Bezug des Nachrichtendienstes und das Veröffentlichungsrecht – unabhängig davon, in welchem Ausmaß davon Gebrauch gemacht wird. Das Copyright an den Agenturtexten verbleibt auch nach ihrer Veröffentlichung bei der Nachrichtenagentur. Der Bezugspreis eines Nachrichtendienstes richtet sich bei Printmedien nach der Auflage, bei elektronischen Medien nach der Reichweite und bei Internet-Portalen nach der aufgrund von Pageviews (Seitenaufrufen) gemessenen Nutzung. Die Bezugspreise der einzelnen Nachrichtenagenturen klaffen zum Teil erheblich auseinander, da Meldungsumfang und thematische Schwerpunkte der Agenturdienste sehr unterschiedlich sind.

Als Großhändler von Nachrichten sehen sich die Agenturen Anforderungen ausgesetzt, die von den anderen Medien nicht oder nicht im gleichen Ausmaß beachtet werden müssen. Agenturnachrichten müssen

- einen besonders hohen Anspruch an sachlicher Richtigkeit und Verlässlichkeit erfüllen,
so wertfrei und objektiv wie möglich sein,

- besonders aktuell sein,

- immer wieder aktualisiert werden,

- und in Themenauswahl, Stil und Präsentation die Bedürfnisse unterschiedlicher Medien erfüllen.

Der Agenturstil hat unter Journalisten traditionell nicht den besten Ruf: Er wird seit jeher mit den Attributen spröde und schwerfällig versehen, gilt als überladen, umständlich und reich an Schachtelsätzen. Ursache war die peinliche Beachtung strenger Nachrichtengrundregeln wie der fünf „W-Fragen“ – Wer, was, wann, wo, warum? Inzwischen gelten auch für die Nachrichten der Agenturen andere Richtlinien. Mit dem Anstieg der Informationsflut ist Aufmerksamkeit eine äußerst wertvolle Ressource geworden. Eine aus verschachtelten Nebensätzen bestehende Nachricht wird von den Beziehern eines Agenturdienstes ignoriert. Die Meldung muss kompakt sein, sofort auf den Punkt kommen und ihre Information verständlich übermitteln.

Bei einer ersten Eilmeldung sind sprachliche Standards eine Hilfe, um die Information möglichst schnell zu übermitteln. Dazu gehören auch schablonenhafte Textbausteine wie

Bei einem x-Unglück sind am (Wochentag) in y (Ort) z Menschen ums Leben gekommen. X Personen wurden verletzt, wie die y-Behörde mitteilte.

Diese unterstützen Agenturjournalisten dabei, auch unter hohem Druck schnell, verständlich und informativ zu arbeiten. Solche Wendungen aus der Schublade gehören zum Handwerkszeug des Agenturjournalisten, wenn es gilt, schnell eine „breaking news“ zu verbreiten, eine überraschende Nachricht von hoher Tragweite, die blitzartig in den ansonsten gleichmäßig dahin fließenden Nachrichtenstrom hereinbricht. Eine solche Meldung hat möglichst schlicht und präzise die Botschaft zu vermitteln: Da ist etwas passiert. Erst wenn es anschließend um die Aktualisierung und Fortschreibung der Meldung geht, ist wieder stilistische Gefälligkeit, sprachlicher Einfallsreichtum und eine inhaltliche Einordnung gefordert, die über das unmittelbare punktuelle Geschehen hinaus reicht.