Ist es möglich, die Qualität von Nachrichten nach ihrem Objektivitätsgrad zu bewerten, nach dem Grad ihrer Annäherung an die tatsächliche Realität? Oder ist diese Wirklichkeit nur eine Schimäre, ein Konstrukt der Medien und der dort arbeitenden Menschen? Mit dieser Frage beschäftigt sich Bernhard Pörksen vom Journalistik-Institut der Uni Hamburg in seinem Buch "Die Beobachtung des Beobachters", in der er Überlegungen der Erkenntnistheorie und ihre Relevanz für journalistische Arbeit und Journalistenausbildung vorstellt.

Als Vertreter des Konstruktivismus vertritt Pörksen die These, dass es keine absolute, das heißt beobachterunabhängige Realität gebe: Die Wirklichkeit der Nachrichten ist die Wirklichkeit derjenigen, die diese Wirklichkeit hervorbringen. Daher gebe es auch keinen letztgültigen Maßstab zur Bewertung der Qualität von Nachrichten.

Was aber bleibt, wenn das hehre Ideal der Objektivität in den Mülleimer der Erkenntnistheorie geworfen wird? Pörksen redet keineswegs der Beliebigkeit das Wort, sondern plädiert für eine selbstreflexive Skepsis als Ausgangspunkt für das Bemühen eines Journalisten um Genauigkeit, intellektuelle Präzision, Tiefenschärfe. Dabei, so deutet er an, handelt es sich gewissermaßen um das an die journalistische Tätigkeit angepasste Konzept der scientific literacy, das wissenschaftliche Bildung, Methodensicherheit und Kritikkompetenz umfasst. Zwar könne Journalisten nicht das Idealbild eines exakten Wissenschaftlers aufgepfropft werden, da diese unvermeidlich zu einem gewissen Dilettantismus in Fachfragen genötigt seien. Die erkenntnistheoretische Haltung einer prinzipiellen Skepsis könnte aber eine Bewusstseinslage fördern, die dem Journalisten dabei hilft, dass er im Idealfall - auch im unvermeidlich hektischen Tagesgeschäft - weniger fehleranfällig arbeitet, ... (sich) weniger leicht für die Zwecke einer scheinbar guten Sache vereinnahmen lässt und ... leistungsfähige Kriterien für den Umgang mit Ungewissheit entwickelt.

Wenn man sich die Manipulation von Pressefotos aus dem Libanon-Krieg vor Augen führt, könnte man geneigt sein, der These von der Konstruktion aller Realität spontan zuzustimmen. Andererseits verändert das Handeln der Akteure im Nahen Osten den Ist-Zustand ebenso wie die Situation der Betroffenen - unabhängig davon, ob dies nun von Beobachtern beobachtet und dargestellt wird oder nicht. Anstatt daher die Existenz jeglicher Realität zu verneinen, ist alternativ ein Stufenmodell von Realitäten denkbar: Am einen Ende stehen unmittelbare physische Eingriffe in Raum und Zeit mit hohem Realitätsgehalt wie zum Beispiel ein Erdbeben. Am anderen Ende befinden sich politische Debatten mit einem hohen Anteil von Konstruktion und niedrigem Realitätsgehalt. Dazwischen gibt es zahllose Misch- und Übergangsformen. Manche Konstruktivisten vertreten die These der Nichtexistenz einer tatsächlichen Realität mit einer Absolutheit, die kaum zu ihrem Plädoyer der prinzipiellen Skepsis passt. Gleichwohl aber zeigt Pörksen, dass die konstruktivistische Erkenntnistheorie der Praxis und dem Selbstverständnis von Journalisten eine Vielzahl von Anregungen bieten kann - und einen lohnenden Ausflug raus aus der Theorieabstinenz der Berufspraxis.

(Bernhard Pörksen: Die Beobachtung des Beobachters. Eine Erkenntnistheorie der Journalistik. Universitätsverlag Konstanz 2006. 362 Seiten, 34 Euro)