(überarbeitete Fassung von Peter Zschunke: Agenturjournalismus.
In: Lexikon der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Oldenbourg-Verlag, 2001)

 

Agenturjournalisten sind Fachleute für die Auswahl relevanter Informationen und ihre möglichst objektive Darstellung. Da sie für die allgemeine Öffentlichkeit und nicht für ein bestimmtes Publikum schreiben, müssen sie zuverlässig entscheiden, ob ein Ereignis oder eine Information Nachrichtenwert hat oder nicht.

Eine entscheidende Kompetenz des Agenturjournalisten besteht deswegen darin, die Relevanz einer Nachricht sachgerecht zu beurteilen. Bei der Fülle eingehender Meldungen muss die Einschätzung der vorliegenden Nachrichtenwerte in kürzester Zeit erfolgen. Dem Anspruch umfassender, aktueller und objektiver Berichterstattung stehen im Alltag der Nachrichtenproduktion Sachzwänge wie Zeitdruck oder Konkurrenzsituation entgegen. Spannungen bestehen zwischen verschiedenen Zielvorgaben: Schnelligkeit versus Richtigkeit (aufgelöst in der klassischen Forderung: "Get it first, but first get it right!"), Genauigkeit versus attraktiver Darstellung oder Vollständigkeit versus knapper Darstellung.

Bezogen auf ein Optimum journalistischer Qualität haben Agenturnachrichten traditionell nicht das beste Image. Verzerrte Darstellung der Realität, fixiert auf Negativismus und Superlative, überdurchschnittlich viele sachliche Fehler, mit Klischees überfrachtete und oft spröde Sprache, mangelnde Recherche, Nachrichten aus zweiter Hand - so oder ähnlich lauten die Vorwürfe, wobei aufgrund der Fließbandproduktion von Agenturnachrichten an schlechten Beispielen kein Mangel ist. Dabei darf jedoch nicht verkannt werden, dass diese nur einen kleinen Bruchteil der hohen Meldungsproduktion ausmachen.

Agenturjournalisten stellen Tag für Tag die Grundversorgung mit abdruck- oder sendefertigen Nachrichten sicher und leisten einen wesentlichen Beitrag für das sogenannte Agenda Setting, die Bestimmung der wichtigsten Nachrichtenthemen eines Tages. Auch für die Öffentlichkeitsarbeit von Organisationen aller Art haben Agenturjournalisten eine zentrale Bedeutung. Diese erschöpft sich nicht im Multiplikatoreffekt der eine Vielzahl von Medien bedienenden Nachrichtenagentur. Vielmehr erhält die von einer oder mehreren Agenturen übermittelte Nachricht allein dadurch einen besonderen Relevanzwert, daß sie von der Nachrichtenagentur für verbreitenswert befunden wurde.

In der Zentrale einer Agenturredaktion treffen täglich schätzungsweise mehr als 200 Pressemitteilungen von Behörden, Vereinen, Wirtschaftsverbänden und Unternehmen ein - mit der Briefpost, als Fax-Mitteilung oder zunehmend auch als E-Mail. Sie werden von den Agenturjournalisten auf ihren Informationsgehalt überprüft und im Fall einer positiven Entscheidung zu einer Meldung oder auch einem längeren Bericht verarbeitet. Je nach Art und Umfang der Mitteilung ist dabei eine zusätzliche Recherche - telefonische Nachfragen bei der Informationsquelle - oder die Ergänzung mit Hintergrundinformationen aus dem eigenen Archiv oder anderen Datenbeständen erforderlich.

Häufig wird eine Pressemitteilung unter Zeitdruck aber auch ohne weitere Recherche und sprachlich nur wenig verändert zu einer Meldung verarbeitet - Kritiker sprechen hier von Verlautbarungsjournalismus. Die Nachrichtenredaktionen sind jedoch bemüht, den Anteil von eigenrecherchierten Meldungen möglichst hoch zu gestalten. Telefonische Nachfragen von Pressestellen oder PR-Agenturen, ob eine Pressemitteilung verwendet wurde oder nicht, werden von Agenturjournalisten oft als Belästigung empfunden, weil wegen des hohen Anfalls eingehender Informationen kaum auf den Einzelfall eingegangen werden kann.

Beim Verfassen von Meldungen und den unter eigenem Namen veröffentlichten Reportagen oder Hintergrundberichten müssen Agenturjournalisten wesentliche Zielgrößen gleichzeitig vor Augen haben: Richtigkeit, Annäherung an Objektivität im Sinne von möglichst wertfreier Darstellung beobachteter oder übermittelter Realitäten, Schnelligkeit, Verständlichkeit und Relevanz. Um die Forderung nach Objektivität zu erfüllen, bemühen sich Agenturjournalisten um eine möglichst wertfreie Sprache - negative Färbungen sollen ebenso vermieden werden wie übermäßig positive Darstellungen oder die Übernahme von Formulierungen mit Werbecharakter.

Besonderer Wert wird auf die genaue Quellenangabe, auf die Herkunft der verwendeten Informationen gelegt. Eine präzise Quellenangabe signalisiert streng genommen, daß die Agenturmeldung lediglich für die Tatsache einer Mitteilung bürgt, nicht aber die Richtigkeit des übermittelten Sachverhalts garantiert. Allerdings werden Mitteilungen im allgemeinen auch nur dann weiterverbreitet, wenn keine Zweifel an ihrer Richtigkeit bestehen. Wenn eine Agenturmeldung eher Meinungen oder Einschätzungen von genannten Personen oder Organisationen wiedergibt, so wird mit sprachlichen Mitteln eindeutig gekennzeichnet, daß es sich hierbei nicht um Fakteninformationen handelt. Personen werden nach Möglichkeit mit vollem Namen genannt. Anonyme Quellen wie die berühmten "unterrichteten Kreise" sollen nur in begründeten Ausnahmefällen herangezogen werden. Hier kann es sich etwa um den Fall handeln, daß der Informant in einem Unternehmen zwar eine glaubwürdige Information übermittelt, aus persönlichen Gründen aber nicht namentlich damit in Zusammenhang gebracht werden will.

Zu den wichtigen Grundsätzen des Agenturjournalismus gehört, daß falsche Fakteninformationen so schnell wie möglich berichtigt werden. Sinnvollerweise sollte dies noch am gleichen Tag erfolgen - solange die Chance besteht, daß eine falsche Meldung zumindest noch nicht von einer Zeitung veröffentlicht wurde.

Eine Agenturmeldung ist oft kein fertiges Produkt, sondern wird im Laufe eines Tages mehrfach aktualisiert und im Lichte neuer Informationen, Entwicklungen oder Reaktionen neu gefasst. Um wichtigere Ereignisse aus dem allgemeinen Meldungsstrom herauszuheben, werden abgestufte Sendeprioritäten eingesetzt: von der Blitzmeldung (Priorität 1) über die Eil- und Vorrangmeldung bis hin zur Routinemeldung (Priorität 4).

Weitere Bestandteile des international vereinbarten Standards für das Format von Agenturmeldungen sind die Ressortkennung (z.B. pl für Politik und wi für Wirtschaft) und eine oberhalb der Überschrift angeordnete Stichwortzeile (auch Catchword oder Slug genannt) für eine erste thematische Einordnung des gemeldeten Sachverhalts. Mit Blick auf den Redaktionsschluß der Tageszeitungen werden mehrere, zu einem bestimmten Thema gehörende Einzelmeldungen bis zum frühen Nachmittag in Form von übersichtlichen Zusammenfassungen angeboten.

Der erste Satz einer Agenturmeldung, Lead-Satz oder kurz Lead genannt, soll den Kern der Information enthalten. Der weitere Aufbau folgt dem Prinzip der umgekehrten Pyramide: Nach dem ganz oben platzierten Schwerpunkt der Information verjüngt sich die Pyramide, indem zunächst die für das Verständnis des Nachrichtenkerns wesentlichen Zusatzinformationen und später die Details sowie ergänzender Hintergrund folgen. Dieser Aufbau ermöglicht es den Zeitungsredakteuren, eine Meldung von hinten nach vorne zu kürzen. Unverzichtbar sind die Antworten auf die fünf klassischen W-Fragen: Wer? Was? Wann? Wo? Warum? Hinzu kommen zwei weitere Fragen: Wie? Welche Quelle? Die Antworten darauf sollen nach Möglichkeit im ersten Absatz einer Agenturmeldung genannt werden. Eine freiere Gestaltung ist bei Nachrichten mit Service-Charakter wie etwa Verbraucherinformationen oder bei "bunten Meldungen" möglich, die als "soft news" unterhaltsamen Lesestoff bieten sollen.

Die Voraussetzungen für den gleichmäßigen aktuellen Nachrichtenfluß in einer Agentur sind erstens ein reibungslos funktionierendes System von Korrespondenten vor Ort, Außenbüros und Zentrale und zweitens die technischen Kapazitäten zur ständigen internen Vernetzung dieses Systems sowie zur Übermittlung des Nachrichtendienstes an seine Bezieher. Die Außenbüros im Inland oder im Ausland haben die Aufgabe, die Entwicklungen in ihrer Region kontinuierlich zu beobachten und die Berichterstattung über aktuelle Ereignisse zu gewährleisten. Sie sind es vor allem, die Selektionsentscheidungen treffen und die Korrespondenten oder freien Mitarbeiter dementsprechend einsetzen. Die Außenbüros stimmen sich dabei mit der Zentrale ab, teilweise geschieht dies regelmäßig über tägliche Telefonkonferenzen. Die größeren Außenbüros redigieren bereits die Texte ihrer Korrespondenten, bevor sie in der Zentrale umgeschlagen werden. Ein erheblicher Teil der Redigierarbeit ist aber in der Zentrale zu leisten. Dort trifft ein Schichtleiter für die verschiedenen Ressorts die letzte Entscheidung, ob eine Meldung in der vorliegenden Form gesendet wird. Dessen Arbeitsplatz - nach der angloamerikanischen Agenturfachsprache oft Slot genannt - ist die eigentliche Schaltzentrale des fortlaufenden Nachrichtendienstes. Der Schichtleiter gibt auch Anfragen aus den Redaktionen der Agenturkunden an Außenbüros oder gegebenenfalls an die Chefredaktion weiter. Ein erheblicher Teil der Agenturarbeit in den Außenbüros wie in der Zentrale besteht in der Sichtung eingehender Pressemitteilungen, der Prüfung von Vorabmeldungen der Medien sowie in der Auswertung von anderen Agenturdiensten, deren Meldungsangebot zur Ergänzung der eigenen Berichterstattung bezogen wird.

In den nationalen Vertretungen der Weltagenturen mit einem eigenen Nachrichtendienst in der jeweiligen Landessprache (z.B. die deutschsprachigen Dienste von AP, Reuter, AFP) besteht neben der eigenständigen Nachrichtensammlung im Inland ein Auslandsressort, in dem das oft mehrsprachig eintreffende internationale Meldungsangebot für den Dienst in der eigenen Sprache aufbereitet wird. In der Gegenrichtung werten die für den Weltdienst tätigen Korrespondenten neben eigenen Recherchen den Inlandsdienst aus.